Was tun wir psychologisch, wenn wir improvisieren?

Über diese Dinge ist schon viel geschrieben worden, und ich möchte mir auch nicht anmaßen, hier der Weisheit letzten Schluss zu verkünden. Ich möchte lediglich ein paar Gedanken und Aha-Erlebnisse teilen, die ich jüngst hatte. Diese Gedanken sind inspiriert von den „existenziellen Grundpositionen“ aus der Transaktionsanalyse:

Ich bin okay, Du bist okay. (Ich + / Du +)
Ich bin okay, Du bist nicht okay (Ich + / Du -)
Ich bin nicht okay, Du bist okay (Ich – / Du +)
Ich bin nicht okay, Du bist nicht okay (Ich – / Du -)

Jeder von uns kennt diese Positionen und wir alle befinden uns mal mehr in der einen, mal mehr in der anderen – wobei jeder Mensch seine bevorzugte(n) Grundposition(en) hat. Laut Eric Berne, dem Erfinder der Transaktionsanalyse, ist die Grundposition, aus der wir am effektivsten (sinnvollsten, hilfreichsten) kommunizieren können, die erste (Ich + / Du +), jedoch gelingt es keinem von uns, diese Position immer und durchgehend, d.h. auch in Stress- oder Konfliktsituationen, aufrecht zu erhalten – und das ist auch in Ordnung. Während das Überlegenheitsgefühl aus Ich + / Du – laut Berne möglicherweise auf ein tiefer liegendes Gefühl der Minderwertigkeit schließen lässt, kann Ich – / Du – als vorübergehende Entlastung der Position Ich – / Du + verstanden werden, wobei ein zu häufiges und zu langes Verharren in dieser Position zu Gefahr für Leib und Seele werden kann (Berne nennt diese Grundposition deshalb auch die „suizidale“ Grundposition).

Was passiert nun beim Impro? Beim Impro lernen wir als erste Grundhaltung, zu akzeptieren. Ich merke immer wieder, was für eine große Entlastung diese Grundhaltung für viele Impro-Schüler bedeutet. Plötzlich müssen sie nicht mehr kämpfen und alles ist so leicht. Dabei ist das, was wir im Impro „akzeptieren“ nennen, nichts anderes als die existenzielle Grundposition Ich + / Du + (Ich bin okay, Du bist okay). Am Anfang klappt das meist gut, nach ein paar Stunden Improvisieren fallen die Leute dann jedoch häufig in andere, ihnen bekannte Muster und Grundpositionen zurück und fangen wieder an, „zu kämpfen“.

M.E. macht das jedoch die Magie von Impro aus: Das Einnehmen der Haltung „Ich bin okay, Du bist okay – und jetzt improvisieren wir zusammen, und was wir beide machen, ist gut.“ Im Alltag sind wir schnell dabei, andere (oder in perfiden Fällen: uns selbst) abzuwerten. Dies stellt häufig einen Schutz vor gefühlten oder tatsächlichen Angriffen dar. Bei einigen Menschen ist das Gefühl des Angriffs, und das daraus resultierende Bedürfnis, sich zu schützen, jedoch so latent allgegenwärtig, dass sie permanent am Abwerten anderer sind.

Das ist der Unterschied zwischen „Judging“ und „Perceiving“, den der Myers-Briggs-Test (der wiederum auf C.G. Jung zurück geht) macht: Die Person, die eher „perceiving“ ist, wertet nicht so schnell – und wertet damit andere (oder sich selbst) nicht so schnell ab; auch hier findet sich also implizit die Grundposition Ich + / Du + wieder.

Was heißt das jetzt also? Es heißt, dass Impro-Theater eine wunderbare Möglichkeit bietet, die Position Ich + / Du + spielerisch zu erleben und zu erlernen, und kann damit auch vorübergehende seelische Entlastung vor allem für die Menschen mit sich bringen, die sich permanent in einem existenziellen Kampf befinden (ich weiß das, denn ich war früher selbst so).

Es bedeutet darüber hinaus, dass Spontanität (und Schlagfertigkeit) nichts anderes ist, als die Position Ich + / Du +, wie man wunderbar in diesem kleinen Filmchen sieht, das ich heute früh auf Facebook gesehen habe:

Was die Dame macht, ist nichts anderes, als dass sie die „Angebote“ der Männer akzeptiert und weiterführt („yes-anding“ sagt der Angelsachse). Auch sie benutzt die Grundposition Ich + / Du +. Das „klassische“ Schema, das bei solcherlei „Anmachen“ jedoch abläuft ist: Frau fühlt sich angegriffen, wertet als Reaktion den anderen (Mann) ab. Vielleicht gibt es auch Frauen, die stattdessen sich selbst abwerten („Ich bin es nicht wert, seine Aufmerksamkeit zu bekommen!“) – in beiden Fällen ist jedoch Abwertung im Spiel. Die Lady, die wir hier so souverän durch New York marschieren sehen, wertet jedoch weder sich, noch ihre „Anmacher“ (sichtlich) ab. In diesem Sinne:

Frohe Weihnachten! Verschenkt Wertschätzung (einige nennen es auch Liebe), es ist das schönste Geschenk, das Ihr machen könnt.

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