Gastbeitrag auf dem Coachimo-Blog: „Yes, and…“ Wie Haltungen aus dem Improvisationstheater Dein Leben verändern können

Im Zuge meiner Teilnahme beim Coachimo Adventskalender durfte ich einen Gastbeitrag im Coachimo-Blog zur Grundhaltung des Impro-Theaters, dem „Yes, and…“ schreiben. Ohne mich selbst zu sehr loben zu wollen, muss ich sagen, dass ich mit dem Artikel sehr zufrieden bin, und deshalb möchte ich ihn auch dieser Stelle gerne nochmal veröffentlichen.

Den Origignal-Beitrag findet Ihr hier, oder Ihr lest jetzt einfach weiter…

„Yes, and…“ Wie Haltungen aus dem Improvisationstheater Dein Leben verändern können

„Ja, und…? Was soll das denn jetzt?“ fragt sich im Augenblick vielleicht manch einer, der die Überschrift gelesen hat. Was hier gemeint ist, ist jedoch nicht „Ja, und…?“ (im Sinne von: „Was ist denn daran schon Besonderes?“), sondern „Yes, and…“ beschreibt in zwei Worten die Grundhaltung und Grundlage beim Improvisationstheater und meint, dass man das Angebot des Mitspielers akzeptiert, und selbst noch etwas hinzufügt. Aber von Anfang an:

Akzeptieren als Grundlage jeder gemeinsamen Improvisation

Beim Improvisationstheater gehen Menschen zusammen auf die Bühne, um miteinander etwas aus dem Moment heraus zu erschaffen, das sie und die Zuschauer begeistert. Hierzu machen sich die Spieler bestimmte Geisteshaltungen zunutze, die positive Verhaltensweisen verstärken und negative Blockadehaltungen überwinden. Aber was heißt das jetzt konkret? Die Grundlage allen gemeinsamen Improvisierens auf der Bühne ist das Akzeptieren. Damit ist gemeint, dass die Spieler die „Angebote“ ihrer Mitspieler annehmen, anstatt verbissen an ihrem eigenen Plan fest zu halten. Ein Beispiel: Ich habe die Idee, als nächstes eine Astronauten-Szene zu spielen, die auf dem Mond stattfinden soll. Einer meiner Mitspieler ist jedoch schneller auf der Bühne und etabliert pantomimisch bereits einen Eisstand, indem er vorgibt, Kugeln auszustechen und in Waffeln zu verfrachten. Nun kann ich an meiner Idee festhalten und als schwebender Astronaut auf die Bühne gehen. Die Wirkung, die das gegenüber den Zuschauern hätte, ist jedoch merkwürdig – sie hätten wahrscheinlich den Eindruck, dass wir nicht in der gleichen Szene sind, oder dass einer von uns beiden (wahrscheinlich meine Figur) verrückt ist. In jedem Fall wirkt es seltsam, und wir beide müssten ganz schön ackern, um den Eisverkäufer und den Astronauten in der Szene zusammen zu bekommen. Viel leichter mache ich es mir, wenn ich meinen vorher gefassten Plan, als Astronaut auf die Bühne zu gehen, fallen lasse, und das Angebot meines Mitspielers (er ist ein Eisverkäufer) annehme, und z.B. als Eis-Fan rein gehe, und begeistert ein riesiges Eis mit sämtlichen Sorten bestelle, die es nur bei diesem Eisverkäufer gibt. In diesem Fall freut sich auch mein Mitspieler, denn er fühlt, dass sein Angebot akzeptiert und damit wertgeschätzt wird. Wie habe ich das erreicht? Ich habe meinen eigenen Plan los gelassen und sein Angebot angenommen. Versteht mich nicht falsch: Im Impro-Theater sind Pläne nicht per se verboten – worum es geht ist die Fähigkeit, dass wir von ihnen los lassen, wenn die Situation es erfordert. Manche sprechen hier auch von einer „agilen“ Geisteshaltung.

Ja aber – das versteckte Nein

Wenn Menschen anfangen, Impro-Theater zu spielen, schleichen sich häufig noch Verhaltensweisen in das Bühnenspiel ein, die den Menschen aus dem Alltag vertraut sind. So sagen Spieler, die das erste Mal Impro machen häufig „Ja, aber…“ Die Wirkung die dies hat, ist, dass das Angebot des Mitspielers eben gerade nicht akzeptiert wird, sondern „geblockt“. Ein Beispiel: Spieler A sagt „Schau mal, Schatz, ich habe Dir einen warmen Kakao gemacht, genau wie den, den wir bei unserem Urlaub in Chile immer getrunken haben!“ – Spieler B entgegnet: „Ja, aber Du hast ja da gar keinen Kakao getrunken, Du hast ja immer Bier getrunken!“ – Zonk! So eine Replik fühlt sich wie ein Schuss vor den Bug an, im Impro sprechen wir von einem „Block“. Was Spieler B hier tut, ist, dass er das Angebot seines Mitspielers eben gerade nicht annimmt, sondern ablehnt. Das „Ja, aber…“ ist hier eigentlich ein verstecktes Nein. Deshalb sprechen wir im Impro von „Ja, und…“ – d.h. wir akzeptieren das Angebot des Mitspielers, und fügen selbst noch etwas hinzu, damit die Szene nicht stagniert, sondern voran geht. Wenn beide Mitspieler auf der Bühne sich so verhalten, erschaffen wir Zug um Zug aus dem Nichts heraus eine Szene.

Akzeptieren auf der Beziehungsebene

Das oben beschriebene „Ja, und…“ Prinzip bedeutet, wenn man es sich einmal genauer anschaut, ein Akzeptieren des „Angebots“ meines Mitspielers auf der Beziehungsebene. Anstatt seinen Plan als „minderwertig“ zu verwerfen, und meinen Plan durchzudrücken, nehme ich seinen Plan bereitbewillig an – und ergänze und erweitere ihn mit Ideen, die meinem eigenen Geist entspringen. Wenn mein Mitspieler sich genauso verhält, erschaffen wir mit dem Input des anderen gemeinsam etwas, das wir selbst allein nie hätten erschaffen können. In diesem Verhalten bzw. in dieser Haltung drückt sich eine unglaubliche Wertschätzung aus – eine Akzeptanz der anderen Person und ihrer Ideen, wie ich sie aus keinem anderen Lebenskontext kenne. Und gleichzeitig haben wir durch das „und“ im „Ja, und…“ ein aktives und selbstwirksames Element, wir sind nicht bloß einfache passive „Annehmer“ und Ja-Sager.

Und genau diese Haltung ist es, die wir aus dem Impro-Training mit ins echte Leben mitnehmen können. Ich habe das getan und mein Leben hat sich dadurch grundlegend verändert.

Servicehaltung – es hat mein Leben verändert

Die „Ja, und…“-Haltung kann Dir in ganz vielen Bereichen Deines Alltags helfen, allen voran bei der Arbeit. Ich habe zehn Jahre als Projektmanagerin gearbeitet und am Anfang habe ich gedacht, mein Job bestünde darin, den anderen zu sagen, was sie zu tun haben und sie anzutreiben. Durch das Impro habe ich meine Haltung hier komplett verändert: Anstatt den anderen Druck zu machen (den Druck von oben weiter zu geben), fing ich irgendwann an zu fragen: „Wann kannst Du XY fertig haben, was brauchst Du noch dazu und gibt es etwas, das ich für Dich tun kann, damit Du Deine Arbeit besser erledigen kannst?“ Die Widerstände, die ich vorher immer wieder gespürt hatte, waren auf einmal weg und mein virtuelles Team lief plötzlich wie am Schnürchen. Ich habe „Ja, und…“ hier als Haltung praktiziert.

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