Was heißt denn das, „Akeptanz“, in Zeiten von Corona???

Im Anschluss an meinen letzten Blogartikel bekam ich die Frage: Was heißt denn das eigentlich jetzt hier in dieser Corona-Situation, „akzeptieren“? Eine berechtigte Frage. Ich starte erstmal damit, dass ich sage, was akzeptieren für mich NICHT bedeutet. In der aktuellen Situation nehme ich an vielen Stellen, von vielen Menschen sehr unterschiedliche Bewältigungsstrategien wahr, die sich in irgendeiner Art und Weise noch gegen die aktuelle Situation „wehren“ (was ja in ungefähr so sinnvoll ist, wie sich gegen das Wetter zu wehren). Das kann z.B. sein, dass die Schuld bzw. ein Schuldiger für diese ganze Misere gesucht wird. Oder Verschwörungstheorien: Dass man fragt: „Wer profitiert von dieser Krise?“ und dann darin den Verursacher dieser Pandemie fest macht. Je nach Weltanschauung und ideologischer Vorprägung ergeben sich hier unterschiedliche Verursacher, denen man auch dann die Verantwortung, oder m.a.W. „die Schuld“ zuschieben kann. Mensch ist auch gerne bereit, für diese seine Ansichten in den sozialen Medien zu kämpfen, bis hin zu Shitstorms und Hasskommentaren.

Auch Verdrängung ist eine der Akzeptanz entgegen gesetzte Bewältigungsstrategie: Anstatt sich an die veränderte Situation anzupassen, die Empfehlungen und Verbote anzunehmen und umzusetzen, machen Menschen weiter wie bisher – in dem festen Glauben, dass schon alles nicht so schlimm sein werde, es sie nicht erwische und überhaupt. Hand in Hand damit geht die Reaktanz, bei der das gleiche gilt, plus ein bisschen Rebellion, die da auch mit im Fahrwasser ist: „Wie jetzt, ich soll mein Verhalten ändern? Neeeheeee!!“ Reaktanz entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Freiheitsrechte eingeschränkt werden – was hier ja ganz deutlich auch geschieht!

Eine weitere Variante von Nicht-Akzeptanz ist das, was in der Psychologie „Rationalisieren“ genannt wird: Menschen versuchen, auf vermeintlich logischem Wege Argumente zu finden, die gegen die momentane Interpretation der Situation (wir haben eine Pandemie, die sich exponentiell schnell verbreiten wird, die – ungebremst – unsere Krankenhauskapazitäten übersteigen wird, weshalb viele Menschen sterben werden) sprechen, suchen Belege und Argumentationsketten dafür. Anders als die Verschwörungstheoretiker gehören sie jedoch oft nicht einem bestimmten ideologischen Lager an (außer vielleicht dem Lager der Reaktanz, s.o.) und sie versuchen, wirklich „objektive“ (also nicht ideologisch eingefärbte) Beweise zu finden, warum die aktuelle Mainstream-Erklärung und die daraus abgeleiteten Maßnahmen falsch sind (z.B. Vergleich mit Influenza, anderen Viren, anderen Ursachen für viele Tote, gegen die ebenfalls nix unternommen wird wie Verkehrsunfälle, Drogen usw.).*

All dies sind für mich Beispiele, in denen ich sehe, dass Menschen die aktuelle Situation NICHT akzeptieren – sie wehren sich innerlich dagegen, indem sie Schuldige und Verantwortliche suchen oder die Situation (und deren Folgen) argumentativ zu wiederlegen versuchen, und zwar häufig in blindem Eifer (der mitunter aus Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit geboren ist). Akzeptanz heißt für mich – jetzt in dieser konkreten Corona-Situation – zu akzeptieren, dass wir jetzt viel zu Hause bleiben müssen. Und zwar erstmal auf unbestimmte Zeit. Dass wir Leute nicht mehr so viel und so häufig sehen können werden. Dass einige von uns (Selbstständige etc.) gerade nicht oder nur sehr eingeschränkt arbeiten und Geld verdienen können. Und viele weitere Veränderungen. Und dass das jetzt einfach mal so ist, und es keinen Schuldigen dafür gibt. Mit diesem Gedanken geht für mich ein gewisses Gefühl von Gelassenheit einher. Kein Gefühl von Passivität, kein Gefühl von Ohnmacht, kein Gefühl von Faulheit – sondern so eine Art Entspannung. Ich merke richtig körperlich, wie sich die gesamte Region um meinen Solar Plexus in alle Richtungen entspannt, wie ich wieder freier atmen kann.

Wie ich von Heike Dupslaff in ihrem Impuls-Vortrag beim Business Netzwerken Berlin letztes Jahr gelernt habe, ist das das Hormon DHEA (Dehydroepiandrosteron), ein Gegenspieler des Cortisols (Stresshormon), das hier aktiv wird. Und ich denke, das ist der beste Zustand, in dem man Entscheidungen treffen kann, wie es jetzt in dieser Krise persönlich für einen weiter gehen kann, welche Handlungsspielräume man hat, welche Maßnahmen einem zur Verfügung stehen. Es ist auch die beste Voraussetzung, um „kreativ“ zu werden und vielleicht neue Wege der Problemlösung überhaupt zu erschließen (im Zustand des Stresses ist dies weit schwieriger).

Und zumindest für mich ist es so, dass im Moment in dieser Krise noch dauernd Stressoren auf mich einprasseln. D.h. so lange es mir noch nicht gelingt, dauerhaft in so einen Entspannungszustand zu gelangen, weil ich immer wieder heraus gerissen werde, ist es für mich noch keine gute Zeit, um Pläne zu machen. Klar, unter Druck entstehen Diamanten und natürlich kommt auch so mal die eine oder andere gute Idee oder ein guter Impuls über den Weg gelaufen, das bestreite ich nicht. Wirklich frei fließen kann das Ganze aber nur, wenn es einem wirklich gelingt, die Situation mit allen ihren Nachteilen so erst einmal zu akzeptieren.

Viele Menschen nutzen Methoden und Techniken wie Meditation, Yoga oder MBSR, um in diesen Zustand zu kommen. Ich finde, ein großartiges Mittel hierfür ist auch schlicht Humor bzw. eine spielerische Haltung (wie wir sie ja auch beim Impro trainieren): Wenn es mir gelingt, etwas Ulkiges selbst in der momentan schlimmen Lage zu finden, dann bin ich schon halb im Akzeptieren drinne. Und starre Verhaltensweisen von Menschen in Situationen, die Flexibilität erfordern, haben immer etwas sehr Ulkiges, wie Großmeister Loriot immer wieder eindrucksvoll bewiesen hat, z.B. in diesem Sketch:

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* Auch wenn wir, dessen bin ich mir sicher, im Nachhinein wahrscheinlich einige Dinge und Maßnahmen finden werden, die sich im Nachhinein als unsinnig und / oder überflüssig, als unzumutbare Einschränkung und dergleichen herausstellen werden; aber das Ding ist: Da wir alle (auch unsere Politiker und Virologen) noch keine Erfahrung mit dieser Art Situation haben, können wir das eben auch erst IM NACHHINEIN wissen, was jetzt sinnvoll und hilfreich war, und was nicht.

 

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