Eine positive Absicht unterstellen

Ich liebe das Badeschiff hier in Berlin über alles. Normalerweise bin ich dort nur 1x im Jahr, zu meinem Geburtstag, und das möglichst früh, denn ab 12 Uhr mittags wurde es jedes Mal unerträglich voll. Aber jetzt, während noch die Corona-Beschränkungen gelten, finde ich es absolut wundervoll dort, weil die Anzahl der Leute, die rein gelassen werden, begrenzt ist und das Teil nicht (wie sonst) überfüllt ist. Wenn ich könnte, würde ich dort einziehen – so versuche ich eben, so oft es geht, dort zu sein. Aber heute früh habe ich im Schwimmbecken von einem anderen Stammgast oder Freund der Familie oder whatever (nenen wir ihn „Jochen“) einen Rüffel bekommen, ich möge doch bitte die in der vorgegebenen Kreisbahn schwimmen. Zuvor hatte ich „auf der Gegenfahrbahn“ überholt, weil rechts Stau war und ich niemanden behindern wollte. Und ich glaube, ich habe auch niemanden auf der Gegenfahrbahn behindert, als ich links vorbei geschwommen bin. Also warum der Rüffel?

Ich habe mich mächtig über diese Kiste geärgert. Was mich u.a. daran ärgert (abgesehen davon, dass ich allergisch reagiere, wenn Leute sich zu „Hilfs-Sherrifs“ machen) ist, dass mir hier offenbar eine unlautere Absicht unterstellt wurde. Als wäre ich irgendein Rowdie, dem alles scheißegal ist und der einfach kreuz und quer schwimmt. Dem ist mitnichten so. Aber dieses Muster… Das kommt mir arg bekannt vor. Erst einen Tag vorher kam das gleiche Thema im Kontext einer Familienfeier auf. Ich habe ständig das Gefühl, wenn Leute nicht mehr miteinander reden, dass ihnen erstmal unlautere Absichten unterstellt werden, die i.d.R. sehr häufig auf das Muster „er / sie beachtet mich nicht“ bzw. „er / sie schenkt mir nicht die Aufmerksamkeit / Anerkennung / Wertschätzung, von der ich glaube, dass ich sie verdiene“. Man könnte das jetzt einfach als Ego-Kiste oder Eitelkeit abtun. Aber das ist mir zu simpel gedacht. Dahinter stehen m.E. wirkliche Kränkungen und viel Traurigkeit. Wenn jemand sich nicht meldet: Er hat bestimmt ein Problem mit mir (er könnte tausend andere Probleme haben, weshalb er sich nicht meldet…). Wenn der Nachbar nicht grüßt: Er hat bestimmt was gegen mich (vielleicht hat er mich einfach nicht gesehen). Watzlawik hat diese Dynamik in seiner Geschichte mit dem Hammer sehr schön beschrieben.

Aber die Frage, die sich mir stellt ist: Warum fällt es uns so verdammt schwer, anderen positive Absichten zu unterstellen? Es gibt diesen Satz „Jedes Verhalten verfolgt eine positive Absicht“ *. Dabei heißt „positiv“ nicht automatisch „altruistisch“. „Positiv“ kann auch meinen: Für mich selbst positiv. Was gemeint ist: Kaum ein Verhalten von Menschen im Alltag verfolgt die Absicht, jemand anders bewusst zu schaden oder bewusst Böses zuzufügen. Klar, Schaden anderer wird vielleicht in Kauf genommen, aber dann eher aus Unaufmerksamkeit oder Gedankenlosigkeit oder innerer Not heraus und als eine Art „Kollateralschaden“. Der Satz meint nicht, dass jedes Verhalten eine moralisch positive Absicht verfolgt – sondern eben lediglich, dass er keine negative Absicht verfolgt im Sinne von: Anderen schaden oder bewusst „böse“ sein. Das Problem ist m.E., dass wir das dennoch oft unterstellen („XY will mir schaden / mich provozieren / missachtet mich und meine Gefühle absichtlich / verhält sich bewusst arschig“). Die positive Absicht in meinem Schwimmbeispiel von heute früh z.B. war: Ich wollte die anderen Schwimmer überholen und dabei niemanden behindern / blockieren. Deshalb habe ich links überholt. Gefühlt unterstellt wird mir jedoch: Ich wäre ein Querulant und scheiße auf die Regeln (q.e.d.: auch ich unterstelle Jochen schlechte Absichten).

Was ich oft sehe ist, dass Menschen in solchen Situationen so dermaßen stark gekränkt sind, sich zurückgesetzt fühlen etc., dass sie blind für eine vermeintlich positive Absicht des anderen sind (das geht mir selbst nicht anders). Das Sehen / Entdecken / Erblicken der positiven Absicht des anderen ist hier m.E. nichts anderes als Empathie. Klar ist mir klar, dass Jürgen nur den reibungslosen Schwimmbetrieb sicherstellen will, dass mein Verhalten, links zu überholen möglicherweise bei ihm Stress auslöst und dass er vielleicht netterweise den Bademeister ein bisschen unterstützen möchte. Das sind Dinge, die ich durchaus sehen kann. Dennoch fühle ich mich zu Unrecht kritisiert. Und so ist es eben häufig mit Kritik: Menschen haben ihre Gründe, warum sie Dinge so tun, wie sie sie tun. Und deshalb schwingt bei Kritik eben beim Empfänger dieser Kritik oft dieses „er / sie sieht mich nicht“ mit. Was ja eben auch tatsächlich oft der Fall ist!

Ich denke, wenn es uns gelänge, die positive Absicht hinter Verhalten, das uns kränkt oder stört, zu erkennen (oder zumindest zu überlegen, was die positive Absicht dahinter sein könnte), gelänge es uns auch, mehr Empathie für andere Menschen aufzubringen und diese besser zu verstehen. Die beste Voraussetzung für einen Dialog und gegenseitiges Verständnis. Und ich denke, davon könnte die Welt gerade ein bisschen mehr gebrauchen.

Und wie gesagt: „positiv“ heißt hier nicht „moralisch gut“ oder altruistisch, sondern kann auch einfach: positiv für mich selbst, auf mein eigenes Wohlergehen bedacht heißen.

 

* Dass dieser Satz eine der NLP-Prämissen ist, möchte ich nur hier in der Fußnote erwähnen, weil der Terminus NLP bei vielen Menschen bereits Abwehr, Pickel und allergische innere Reaktionen auslöst.

In meinem NLP-Kurs entspann sich damals, wie in wahrscheinlich jedem 2. NLP-Kurs, eine Diskussion über die Frage, ob ein Verhalten denn als „positiv“ bezeichnet werden könne, wenn es nicht explizit positive moralische Absichten verfolge bzw. sogar negative Folgen für andere (körperlicher und / oder seelischer Schaden, Übervorteilung etc.) in Kauf nähme. Aber das ist eine Frage von Begrifflichkeiten und Begriffsdefinitionen. Den „positiv“ soll hier eben gerade nicht heißen „moralisch gut“ – denn damit sind wir ganz schnell im Bereich der Moral und im Bereich von „richtig“ und „falsch“ Kategorien. Und Moral ist immer Zeit-, Kontext-, Kultur- und Milieu-abhängig. Und ich persönlich glaube, wenn wir den anderen verstehen wollen, helfen uns diese Kategorien hier nicht weiter. Was nicht heißt, dass wir sie nicht haben oder sogar wegschmeißen sollen. Ich denke, ein moralischer Kompass ist wichtig. Aber zu meinem moralischen Kompass gehört eben auch der Wunsch, das Denken, Fühlen und Handeln anderer Menschen zu verstehen, auch wenn ich es vielleicht moralisch nicht gut heiße. Das sind für mich zwei getrennte Dinge – Verstehen heißt nicht Gutheißen. Aber zum Verstehen und mich in die andere Person hineinversetzen benötige ich eben das Unterstellen dieser positiven Absicht… Um dann zu schauen, was diese positive Absicht im konkreten Fall sein könnte. Krass gesprochen: Ich kann die Inhalte der Pegida-Bewegung (moralisch) verurteilen, weil sie nicht mit meinen Werten kongruent sind. Dennoch halte ich es für wichtig zu gucken: Was bewegt diese Menschen? Was treibt sie an? Was steckt möglicherweise dahinter, dass sie so denken, wie sie denken? Was ist die positive Absicht dahinter? Und davon gibt es welche, auch bei Pegida: Bewahren dessen, was man für gut hält und worauf man stolz ist (Heimat). Sicherheit und Klarheit (keine „Ambivalenzen“ durch verschiedene kulturelle Einflüsse). Angst-Abwehr (das Unbekannte erzeugt auch immer Angst, so lange ich es noch nicht kenne). All das halte ich für völlig legitime Motive, auch wenn ich sie nicht teile. Aber ich halte es eben auch für unsinnig und nicht produktiv / konstruktiv / zielführend, diese Menschen einfach als „Idioten“ abzstempeln und abzuwerten, nicht ernst / für voll zu nehmen, nur weil ich ihre Werte und Motive nicht teile. Ihr Verhalten – ja, das kann ich sicherlich als idiotisch abstempeln und ihre Aktionen scharf (moralisch) verurteilen und nicht gut heißen. Aber eben nicht die Menschen als solche, denn das finde ich selbst mindestens genauso ausgrenzend, diskriminierend und abwertend, wie es der Pegida-Bewegung unterstellt wird.

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