Forschungsfragen zum Thema “Angewandte Improvisation” und Improvisationstheater im Rahmen einer Masterarbeit

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2 thoughts on “Forschungsfragen zum Thema “Angewandte Improvisation” und Improvisationstheater im Rahmen einer Masterarbeit

  • By Jowanni - Reply

    Ich wage hier den Versuch diese Fragen für mich hier öffentlich zu beantworten.
    1. Wie vertraut ist dir angewandte Improvisation?
    A: Improtheater stärkt eine Reihe von Fähigkeiten und Eigenschaften und beeinflusst so auch den Alltag jener, die Improtheater praktizieren. Unter Umständen kann aus dem Improtheater auch eine Inspiration gewonnen werden, wie “Probleme”/”Herausforderungen” angegangen werden können, dies vor allem abseits der üblichen Pfade. Angewandte Improvisation ist wohl ein Fachbegriff der, so scheint es, genau definiert ist. Mit diesem Begriff und seiner Definition bin ich nicht übermäßig vertraut. Ich beobachte aber, dass im Businessbereich sehr gerne davon gesprochen wird. Mir scheint daher, dass der Begriff “Angewandte Improvisation” geschaffen wurde um ein Schlagwort, eine Marke, zu haben mit der im Unternehmensumfeld Workshops und Seminare verkauft werden können.

    2. Wie vertraut ist dir Langform-Improtheater nach Del Close?
    A: “Truth in comedy” habe ich vor einiger Zeit gelesen. Ein paar Gedanken davon habe ich mitgenommen. Im Prinzip weiß ich über Harold und seine Regeln bescheid. Habe aber als Zuseher oder Spieler extrem wenig damit zu tun. Ein großer Verdienst von Del Close war es wohl eine Form zu schaffen, die improvisiertes Theater langfristig etabliert. Diesen Verdienst teilt er sich wohl mit K. Johnstone, der mit Theatersport bei allen wirklichen und vermeintlichen Unterschieden in dieser Hinsicht etwas ähnliches geschaffen hat.

    3. Was ist für dich der Unterschied zwischen Improvisationstheater und angewandter Improvisation?
    A: Eingedenkt der Antwort auf Frage 1 möchte ich hier ergänzen, dass der wesentliche Unterschied jener zwischen Spiel und Wirklichkeit ist beziehungsweise in den jeweiligen Zielsetzungen liegt. Und auch Menschen, die keinerlei Ahnung von Improtheater haben, können im Alltag unter Umständen hervorragend improvisieren.

    4. Was ist für dich der Unterschied zwischen angewandter Improvisation und Theaterpädagogik?
    A: Theaterpädagogik ist ein sehr sehr weites Feld und kann im Prinzip alles, was mit Theater zu tun hat und in irgendeiner Weise ein Transfer stattfindet oder ein Bildungsziel verfolgt wird, umfassen. Sofern Angewandte Improvisation noch Theater zugeordnet werden kann, weil zB Spiele/Methoden/Ansätze/Grundsätze aus dem (Improvisations)theater stammen, kann es sich bei dabei auch um Theaterpädagogik handeln. Theaterpädagogik fordert immer eine aktive Teilnahme ein. Sei es, weil selber gespielt wird oder weil über das gesehene nachgedacht/reflektiert werden soll.

    5. Wie würdest du die Beziehung von angewandter Improvisation zur Theaterpädagogik beschreiben?
    A: Das hängt, wie ich oben schon beschrieben habe, von den Methoden und Zielen ab. Manche meinen, Theater sei zur Unterhaltung da. Wenn uns Theater nicht (ausschließlich) unterhält oder nicht (ausschließlich) das Ziel hat uns zu unterhalten, sondern uns (nebenbei) etwas vermitteln will, ein Transfer provoziert wird, der über jenen von Unterhaltung hinausgeht, dann könnte das schon der Theaterpädagogik zugerechnet werden. Soweit ich das sehe hat Angewandte Improvisation nicht das Ziel zu unterhalten. Also würde ich Angewandte Improvisation der Theaterpädagogik zurechnen.

    6. Inwiefern kann angewandte Improvisation (applied improvisation) als Teil von Theaterpädagogik (applied theater) gelten? Gibt es Kriterien, die dafür erfüllt sein müssten?
    A: siehe Antwort 5.

    7. Sollte Improvisationstheater und angewandte Improvisation mit den gleichen Kriterien wie die Theaterpädagogik beschrieben und bewertet werden?
    A: Nein. Improvisationstheater und Angewandte Improvisation können in dieser Hinsicht nicht in einen Topf geworfen werden. Beide fischen zwar in einem ähnlichen Pool, haben aber andere Ziele. Improvisationstheater kann für die Zuseher nicht von vornherein ein theaterpädagogisches Ziel verfolgen. G. Lösel “Theater ohne Absicht”. Ob dann für Einzelne ein Transfer stattfindet kann nicht geplant werden und daher auch kein Ziel von Improvisationstheater sein. Für (Laien)spieler auf der anderen Seite gehört das Spielen von Improvisationstheater ganz klar in den Bereich der Theaterpädagogik. Damit wäre ein wesentlicher Unterschied zwischen Improvisationstheater und Angewandter Improvisation genannt. Zum Improvisationstheater gehören zumindest die beiden Bereiche “zusehen” und “spielen” auch für Laien dazu. Angewandte Improvisation kennt den Teil “zusehen”, im Sinn von “eine Show ansehen” wohl nicht. Ich bin absolut der Meinung, dass Improvisationstheater ganz klar eine Kunstform darstellt und so, wie viele andere Kunstformen auch, eine Überschneidung mit Pädagogik hat, aber auch an anderer Stelle weit über Pädagogik hinausgeht. Improvisationstheater im Kontext der Kunstform sollte natürlich auch wie eine eigenständige Kunstform beschrieben und bewertet werden.

    8. Erfüllt Langform-Improtheater die Kriterien für ästhetische und soziale Bildung?
    A: So gut oder schlecht wie jede andere Form von Improtheater auch. Im Besonderen dann, wenn es um das aktive Spielen geht. Eine Unterscheidung zwischen Langform-Impro und anderen Formen von Improtheater erscheint mir in diesem Kontext nicht wesentlich. In einer Hinsicht erscheint mir Langform-Impro weniger geeignet für theaterpädagogisches Arbeiten und das liegt daran, dass für Langform Impro zusätzlich zu den Aspekten wie “Im Moment sein”, “Yes and..” etc. noch die Übersicht über die Storyline kommen würde. Damit, so meine ich, wird fürs erste eine ablenkende Komplikation eingeführt. Für die Sicht des Publikums bei einer Darbietung verweise ich einmal mehr auf “Theater ohne Absicht”. In guten (zB wahrhaftigen) Momenten kann es aber auch für ein zusehendes Publikum zu Erkenntnissen oder Reflexion kommen. Diese Momente können allerdings im Vorfeld nicht geplant werden.

    9. Welche Kriterien müsste ein improtheaterpädagogisches Projekt erfüllen?
    A: Es muss Improvisationstheater oder seine Methoden darin vorkommen. Im Fall von Improvisationstheater ist es außerdem unabdingbar, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch selbst aktiv spielen. Durch die Auswahl von Spielen und Übungen kann auch ein wenig gesteuert werden was mitgenommen/gelernt/erkannt werden kann.

    10. Gibt es Arten von Improvisation, die sich besonders für ein improtheaterpädagogisches Projekt eignen würden?
    A: Je nachdem, welcher Transfer angestrebt wird, wer die Zielgruppe ist, wie alt die Zielgruppe ist und in welchem Kontext in welchem Zeitrahmen etc. so ein Projekt stattfindet, kann aus der unüberschaubar großen Anzahl an Spielen, Übungen etc. das passende gewählt werden. Eine pauschale Antwort kann hier nicht gegeben werden. Es gilt wie immer, dass die richtige Mischung von Spannung/Entspannung, Schnell/Langsam, Laut/Leise, Einzel/Gruppe, Spass/Ernst etc. wesentlich für das Gelingen so eines Projekts ist. Und natürlich gilt, dass die beste Art der Improvisation jene ist, wenn man selbst spielt und Spass dabei hat. Nicht minder wichtig ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, die es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erlaubt ohne Angst zu improvisieren.
    Im Grunde stellt sich hier auch die Frage, welches Ziel ein improtheaterpädagogisches Projekt verfolgt.

    11. Wie verbreitet ist angewandte Improvisation in sozialen Einrichtungen und Projekten/für soziale Zwecke? Kannst du Beispiele nennen?
    A: Dazu habe ich keine Erkenntnisse.

    12. Welche Einwände/Gefahren siehst du, wenn Improtheater im theaterpädagogischen Kontext genutzt werden soll?
    A: Improvisationstheater für aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer kann immer zu div. Bildungsschritten führen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dort abgeholt werden, wo sie stehen und am Schluss auch wieder bewusst aus dem pädagogischen Setting entlassen werden. Die Figuren sollten auf der Bühne bleiben und nicht mit ins Private genommen werden.
    Für Publikum das zusieht ist es unvorhersagbar ob und was es mitnimmt bzw. ob die dargebotenen Szenen/Geschichten/Momente etwas hergeben. Auf keinen Fall sollte mit einer Improshow ein pädagogisches Ziel verbunden werden. Hierfür müsste man auf den Zufall vertrauen.

    13. Kann angewandte Improvisation mit Rollenspiel verglichen werden, welches pädagogische oder therapeutische Effekte zum Ziel hat?
    A: Dazu habe ich keine Erkenntnisse.

    14. Hier ist Raum, falls du noch etwas sagen möchtest:
    A: Ich habe es oben nicht erwähnt, aber das Buch (die Arbeit) “Improvisation als flüchtige Kunst” von Karl-A. S. Meyer behandelt Improvisation und Theaterpädagogik in einigen sehr aufschlussreichen Kapiteln.

    • By Claudia - Reply

      Lieber Jowanni, danke für Deinen Input! Ich stimme Dir zu: Improvisationstheater auf die Bühne gebracht kann und sollte keinen bestimmten erzieherischen Auftrag erfüllen, der von außen kommt (ich glaube, die Spieler bringen den immer – mehr oder weniger bewusst – mit hinein in Form ihrer Weltanschauung usw.). Die Unterscheidung, die Du in Deiner Antwort zu Frage 7 machst, sehe ich auch so. Ich würde es etwas platter formulieren, dass Impro-Theater immer das Ziel verfolgt, das Ganze auch irgendwann auf die (Theater-)Bühne zu bringen (ganz gleich, was für Transfer in den Alltag oder andere Situationen ggf. darüber hinaus noch stattfindet), und Angewandte Improvisation dies nicht tut. Wobei hier natürlich argumentiert werden kann, dass das ganze Leben eine Bühne ist, dass der Projektmanager in der Teamsitzung ebenfalls auf einer Bühne steht usw. Das stimmt natürlich, aber der Projektmanager wird hier wohl kein Impro-Theater im klassischen Sinne aufführen, auch wenn er von dem im Impro erlernten Skills in dieser Situation möglicherweise profitieren kann 🙂

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